Cultural Probes: Alltag im Ruhestand

Im Projekt ParTec entwickeln und gestalten wir gemeinsam mit Menschen im Ruhestand Ideen für technische Lösungen, die sie darin unterstützen sollen, ihren Alltag nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Von der Analyse ihrer IST-Situation gelangen wir mit Hilfe verschiedener Methoden, die eine Mitwirkung (Partizipation) ermöglichen, gemeinsam zu einer Gestaltung bzw. Umgestaltung eines soziotechnischen Systems.

Im partizipativen Softwaredesign werden häufig ethnographisch inspirierte Verfahren der Beobachtung und Befragung eingesetzt. Bei der

Technikentwicklung für berufliche Zwecke können durch Beobachtungsinterviews im Arbeitskontext Aufgaben und Abläufe ermittelt werden. Bei Aktivitäten des Privat- und Alltagslebens gestaltet sich diese Art der Beobachtung hingegen schwieriger: relevante Aktivitäten sind weniger räumlich und zeitlich eingegrenzt als das Arbeitshandeln und sie betreffen persönliche und intime Aspekte. In diesen Kontexten hat sich seit einiger Zeit das Verfahren der Cultural Probes bewährt. Wir bezeichnen dieses Vorgehen auch als „Selbstaufschreibung“ oder „Selbstbeobachtung“ der Beteiligten.

Untersuchungen zeigen, dass prekäre und schwierige Situationen im Alter entstehen, wenn Menschen hilfsbedürftig werden, ihre sozialen Netzwerke aber schwächer geworden sind. Das Ziel unseres Projektes ist die Unterstützung der sozialen Vernetzung in einer Phase, in der es Menschen noch leichter fällt, Neues zu beginnen und der Beginn des Ruhestands sie herausfordert, ihn auch mit Blick auf ihr höheres Alter zu gestalten. Das Projekt ParTec kooperiert mit einer Gruppe der Bremer Evangelischen Friedenskirche. Unter dem Namen „When I'm sixty-four“ hat diese Gruppe sich zusammengefunden, um sich über den Ruhestand auszutauschen und ihn gemeinsam zu gestalten. Die Beteiligten sind in einer frühen Phase des Ruhestands oder im Übergang dorthin.

Zehn Personen beschäftigten sich über einen Zeitraum von zwei Wochen mit Materialien zur Selbstbeobachtung. Dieses Material wurde von uns vorbereitet, um herauszufinden, wie sich der Alltag der TeilnehmerInnen strukturiert, welche Kontakte und Aktivitäten ihn prägen, welche individuellen Stärken sie mitbringen, welche Menschen, Gegenstände, Orte und Aktivitäten ihnen wichtig sind, wo sie sich verletztlich fühlen und welche Wünsche sie an ihren Ruhestand haben. Sie erhielten von uns u.a. ein speziell gestaltetes Tagebuch, das sie dazu einlud, über sieben Tage eigene Aktivitäten und Kontakte zu protokollieren und sich zu Fragen zu äußern, die ihre Techniknutzung, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft betrafen. Mit einer Einwegkamera konnten sie geliebte Orte oder Aktivitäten fotografieren.

Die Aufzeichnungen der TeilnehmerInnen boten den Ausgangspunkt für individuelle Interviews, in denen wir durch Nachfragen ein differenziertes Verständnis ihres Alltags entwickeln konnten.

Es wurde deutlich, wie wichtig den TeilnehmerInnen die Selbst­be­stimmung und -gestaltung ihrer neuen Lebensphase ist. Es reicht nicht aus, den Beginn des Ruhestands mit Verlust und Einschränkungen zu

assoziieren, sondern er stellt auch einen Neubeginn dar, der Chancen eröffnet. Die eigenen persönlichen Ressourcen für diese Neugestaltung müssen den Menschen zum Teil erst bewusst werden. Die TeilnehmerInnen fühlten sich durch das ansprechend gestaltete Selbstbeobachtungsmaterial inspiriert und unsere Aufforderung zur Selbstreflexion schien ein vorhandenes Bedürfnis anzusprechen.

Unsere Frage nach Wünschen für den eigenen Ruhestand ergab, dass sich viele der TeilnehmerInnen durch Ehrenämter oder Minijobs gesellschaftlich einbringen und gebraucht werden wollen – einige tun dies bereits. Andere möchten gerne Neues lernen, z.B. den Umgang mit digitalen Medien oder eine neue Sprache. Zugleich wünschen sie sich eine Befreiung von der Verantwortung, dem Stress und Zeitdruck, die ihr Arbeitsleben bestimmt haben.

Im Rahmen von zwei von uns moderierten Werkstätten wurde die Möglichkeit zum Austausch über die neue Lebensphase genutzt. Auf der Basis der Alltagsbeobachtungen entwickelten wir „Ruhe­stands­ge­schich­ten“ (Problem­szenarien), die von den TeilnehmerInnen weiter gesponnen wurden. Die sich dabei abzeichnenden Anforderungen an eine technische Unterstützung für die Vernetzung im Ruhestand wurden mit Hilfe eines Kreativverfahrens (Metaphors) ergänzt.